Leben als Bahá’í

Selbständige Suche nach Wahrheit

„Alle Religionen wurden nach und nach durch Überlieferungen und Dogmen eingeengt. Alle halten sich jeweils für die einzigen Hütter der Wahrheit und meinen, dass jede andere Religion aus Irrtümern besteht.“

‚Abdu’l-Bahá

Alle Menschen werden in ein soziales Umfeld bzw. eine bestimmte Kultur hineingeboren. Als Kinder übernehmen wir die Vorstellung unser Eltern über alle wichtigen Bereiche des Lebens. Da es viele falsche Sichtweisen gibt, werden auch sie mitübernommen. Später werden wir kritischer; unsere Erfahrung wächst und wir können die Wahrheit selbständig erkennen. Die Bahá’í-Religion lehrt, dass der Mensch mit 15 Jahren das Reifealter erreicht und damit die Fähigkeit, die Wahrheit selbständig zu erkennen. Ab diesem Alter ist es möglich, Bahá’í zu werden. Wenn jemand die Gnade erfährt, die Offenbarung für die heutige Zeit zu erkennen, heißt das nicht, dass er damit schon alle falschen Überlieferungen, Aberglauben und Vorurteile überwunden hat, aber er übernimmt die Pflicht, diese Schleier des Irrtums abzubauen. Da die Offenbarung Gottes der Reife der Menschheit angepasst ist, hat jeder die Möglichkeit, sie als wahr zu erkennen und sich damit die größte Quelle des Glücks zu erschließen.


 Tägliches Gebet

„O Sohn des Seins! Erwähne Mich auf Meiner Erde, damit Ich deiner in Meinem Himmel gedenke. So werden Meine Augen und deine Augen beglückt sein.“

Bahá’u’lláh

Das Gebet, das mit reinem andächtigen Herzen gesprochen oder gesungen wird, ist ein wesentlicher und wirksamer Schritt zur geistigen bzw. seelischen Entwicklung des Menschen. Alle Offenbarer Gottes haben gelehrt, dass wir geistige Zwiesprache mit Gott halten sollen.
Die Heiligen Schriften der Bahá’í enthalten Gebete in reicher Fülle. Es gibt Gebete für viele verschiedene tägliche und festliche Situationen.

Dem Bahá’í ist geboten, täglich ein Pflichtgebet in stiller Zurückgezogenheit zu sprechen. Dabei haben die Gläubigen die Auswahl zwischen drei verschiedenen Pflichtgebeten, die sich durch Zeitpunkt der Andacht, Form und Länge unterscheiden.
Alle Bahá’í-Treffen sollen mit gemeinsamem Gebet eingeleitet werden. Dies gilt auch bei Wahlen in die Gremien der Bahá’í-Verwaltungsordnung. Wenn in einer Beratung Schwierigkeiten auftreten, kann durch gemeinsames Gebet Einklang gefördert werden.
Der erste Teil des Bahá’í-Neunzehntagefestes, das eine wesentliche Grundlage des Gemeindelebens bildet, ist eine Andacht, in der gebetet und aus den Heiligen Schriften gelesen wird.


 Fasten

„Wir haben euch geboten, vom Reifealter an zu beten und zu fasten.“

Bahá’u’lláh

Der letzte Monat des Bahá’í-Jahres ist der Monat des Fastens (2. – 20. März). Zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang enthält man sich von Speise und Trank. Das Fasten ist nicht nur eine wohltätige Maßnahme für die körperliche Gesundheit. ‚Abdu’l-Bahá erklärt, dass das körperliche Fasten uns daran erinnern soll, nicht selbstsüchtig zu sein bzw. immer nur unseren eigenen Wünschen zu folgen, sondern sich dem Willen Gottes unterzuordnen. Dadurch fördert das Fasten die geistige und seelische Entwicklung der Menschen.


 Verbundenheit mit dem Wort Gottes
Den Bahá’í ist geboten, täglich morgens und abends in den Heiligen Schriften zu lesen.
Ein Teil des Neunzehntagefest, das eine wesentliche Grundlage des Gemeindelebens ist, ist eine Andacht, in der gebetet und in den Heiligen Schriften gelesen wird. Auch in den Feiern anlässlich der Bahá’í-Feiertage ist das Wort Gottes ein wesentlicher Bestandteil.


 Geistige Entwicklung

„Edel erschuf ich dich, du aber hast dich selbst erniedrigt. Erhebe dich doch zu dem, wozu du erschaffen wurdest.“
Bahá’u’lláh 

Für ein vernünftiges Verhältnis zum Wohlstand und zu gesunder Lebensweise, als Basis für Partnerschaft und Ehe und als Grundlage einer angebrachten Weltsicht, welche Voraussetzung für Frieden und Einheit der Menschheit ist, ist es notwendig, dass jeder Mensch eine geistige, seelische Entwicklung nimmt.

Aus den Heiligen Schriften der Bahá’í wurden folgende sechs Schritte zum geistigen Wachstum abgeleitet:

1. Das tägliche Sprechen eines Pflichtgebets
2. Das tägliche Lesen der Heiligen Schriften
3. Das Nachdenken (Meditieren) über die religiösen Lehren
4. Unser Verhalten und unsere Taten sollen im Einklang mit den religiösen Lehren sein
5. Das Lehren der Sache Gottes
6. Selbstloser Dienst im Glauben und im Beruf


 Reine Lebensweise

„Gott wünscht fürwahr, dass alle Menschen allezeit, innerlich wie äußerlich eine Reinheit ziere, die keine Abneigung gegen sich selber, noch viel weniger gegen andere entstehen lässt.“
Der Báb

Mit dem Wissen über das Wesen des Menschen wird es klar, dass nicht nur der Körper Pflege und Gesundheit benötigt sondern, dass vor allem die Seele der Reinheit bedarf und sich durch gesittetes Verhalten und reine Taten zu entfalten und entwickeln vermag. Liebevoller Umgang mit den Mitmenschen und Respekt vor ihrem Leben, ihrer Würde und ihrem Besitz sind erforderlich. Gerechtigkeit sollte uns leiten. Den Bahá’í sind Höflichkeit und Reinheit der Sprache geboten. Jegliche Form von Gewalt steht in krassem Gegensatz zur reinen Lebensweise.


 Familie

„Beachte, wie leicht sich die Angelegenheiten einer Familie regeln lassen, wenn Einheit herrscht, welche Fortschritte die Familienmitglieder dann machen, wie erfolgreich sie in der Welt sind.“
‚Abdu’l-Bahá

Die Bahá’í sehen in der Familie die Grundlage der Gesellschaft. Solange dieses äußerst wichtige Fundament nicht gesund und geeint ist, kann die Gesellschaft nicht gesund und geeint sein. Die Einehe ist die Basis der Familie.


 Ehe

„Und erhaben über jede andere Verbindung ist die Verbindung der Menschen miteinander, besonders wenn sie in der Liebe Gottes zustandekommt.“
‚Abdu’l-Bahá

Die Bahá’í sind sich der außerordentlich wichtigen Bedeutung der Ehe als Grundlage von Familie und Gesellschaft bewusst. Die Bahá’í-Lehren sehen die Einehe vor, und Bahá’u’lláh macht die Eheschließung von der Zustimmung beider Partner und ihrer Eltern abhängig. Wenn beide beteiligten Familien in ihrer Zustimmung zur Ehe einig sind, hat diese Ehe eine bessere Aussicht auf Erfolg. Die Bahá’í-Beratung ist ein vorzügliches Mittel zur Entscheidungsfindung in der Ehe. Treue und Aufrichtigkeit sind lebenswichtig für die Ehe. Scheidung ist möglich, aber unerwünscht und nur als letzte Lösung zu betrachten, wenn alle Versuche einer Versöhnung gescheitert sind.
Die äußere Form der Bahá’í-Eheschließung ist von schlichter Würde getragen: Einzige Bedingung ist, dass Bräutigam und Braut in Gegenwart von zwei Zeugen sprechen: „Wahrlich, wir wollen uns alle an Gottes Willen halten.“


 Kindererziehung

„Betrachte den Menschen als ein Bergwerk, reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert. Nur die Erziehung kann bewirken, dass es seine Schätze enthüllt und die Menschheit daraus Nutzen zu ziehen vermag.“
Bahá’u’lláh

Bahá’í-Eltern tun alles, um ihre Kinder in der Liebe Gottes aufzuziehen, ihren Charakter zu entwickeln und ihnen nützliches Wissen zu vermitteln, damit sie zu gesunden, glücklichen und nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft werden. Kindererziehung ist eine äußerst wichtige und schwierige Aufgabe und eine enorme Verantwortung. Wir müssen ihr sehr viel Zeit widmen, wodurch auf andere Tätigkeiten verzichtet werden muss. Das Wohl der Kinder hat immer Vorrang. Die Mutter ist die erste Erzieherin der Kinder. Wichtig ist, dass die Kinder immer genügend Liebe und Aufmerksamkeit erhalten, um ihren Körper, ihren Verstand und ihre Seele zu entwickeln.
Bahá’í-Eltern müssen sicherstellen, dass ihre Kinder über alle großen Religionen unterrichtet werden, damit sie befähigt werden, die Wege zu der einen Wahrheit in den Religionen zu erkennen und später, wenn sie in ein Alter kommen, wo dies möglich ist, durch selbständiges Forschen eigenständige Erkenntnisse der Wahrheit zu erlangen.
Die Kinder werden ermutigt, Umgang mit Menschen aus allen Völkern und Religionen zu pflegen. Sie lernen Wertschätzung für alle Kulturen und Achtung vor den Beiträgen ihrer Vertreter. Sie sollen lernen, die Ideen anderer zu respektieren und ihnen mit wohlwollender Offenheit und wachem Verstand zu begegnen. Die Kinder werden unterwiesen, sich als Bürger der Welt zu sehen. Vor allem lehren die Eltern gerechtes Handeln und gesittetes Verhalten durch das Beispiel ihrer eigenen Lebensweise.


 Arbeit als Gottesdienst
„Ihr müsst edle, köstliche Früchte tragen, euch und anderen zum Nutzen.“

Müßiges Herumsitzen ist mit der Würde des Menschen nicht vereinbar. Kinder müssen bestens ausgebildet werden und Erwachsene in einem Beruf tätig sein. Arbeit sichert ein vernünftiges Maß an Wohlstand. Die Bahá’í-Religion lehrt, dass Arbeit, wenn sie mit einer Haltung der Dienstbarkeit ausgeführt wird, Gottesdienst ist. Dienstbarkeit bedeutet das allgemeine Wohl dem eigenen vorzuziehen. Hierbei ist zu beachten, dass nicht immer Berufstätigkeit im strengen Sinn gemeint ist. Natürlich gilt das Versorgen und Erziehen von Kindern, Tätigkeit im Haushalt sowie das ernsthafte Studium nützlicher Wissenschaften als Arbeit. In der Bahá’í-Religion gibt es keine Priester. Der Dienst für den Glauben befreit nicht von der Pflicht der Berufstätigkeit.


 Das Lehren

„Mühe dich bis an die Grenzen deiner Kräfte, weise und beredt dem Wort der Wahrheit Geltung zu verschaffen … “
Bahá’u’lláh

Wenn ein Mensch einen Schatz erlangt, eine Quelle der Weisheit und Führung, einen Wegweiser zu geistiger bzw. seelischer Entwicklung und dieser Mensch ist ergriffen von Liebe zum Mitmenschen und zur Menschheit, ist es sein sehnlicher Wunsch, mit seinen Menschengeschwistern zu teilen, was er gefunden hat. Deshalb erfüllen die meisten Bahá’í das Gebot Bahá’u’lláhs, den Glauben zu lehren und zu verbreiten, mit Freude. Dabei ist zu beachten, dass jeder die religiöse Wahrheit selbständig erkennen muss und der Lehrende nur das anbieten soll, was der Zuhörer zu fassen vermag.


 Hilfe für die Welt

„O Volk Gottes! Befasst euch nicht rastlos mit eueren eigenen Belangen! Lasst euere Gedanken fest auf das gerichtet sein, was das Glück der Menschheit wiederherstellen und der Menschen Herzen und Seelen heiligen wird.“

Bahá’u’lláh

Aufgabe der Religion ist es, die Entwicklung der Menschen zu fördern und soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen. Dazu ist oft auch konkrete praktische Unterstützung nötig. Die Bahá’í führen dafür weltweit eine große Zahl von Projekten der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung durch (derzeit über 11.600). Die direkte materielle Hilfe ist dabei nur von untergeordneter Bedeutung. Entscheidendes Kriterium für Hilfsprogramme der Bahá’í ist es in der Regel, dass eine Grundlage gelegt wird für eine weitere Entwicklung ohne Hilfe von außen. Erziehung und Ausbildung spielen deshalb bei diesen Projekten besonders häufig die wichtigste Rolle. So werden die Menschen in die Lage versetzt, ihr eigenes Leben besser zu meistern. Auch Programme für Hygiene und Gesundheit zielen in diese Richtung. Dazu kommen zum Beispiel Projekte im Agrarbereich oder für die Dorfentwicklung.
Stets ist es Voraussetzung, dass die örtliche Gemeinschaft das Projekt selbst trägt; von außen aufgesetzte Hilfsmaßnahmen außerhalb der Eigenverantwortung der Menschen vor Ort bringen keine Ermutigung und bewahren nicht die Würde der Menschen, die Hilfe brauchen. Die in jeder Bahá’í-Gemeinschaft praktizierte Beratung hilft dabei, die Verantwortung zu fördern.