Gewaltsame Methoden sind aufzugeben

Auch bei der Durchführung der Befreiung der Frauen, wie in andern Angelegenheiten, rät Bahá’u’lláh seinen Anhängern, gewaltsame Maßnahmen zu vermeiden. Ein ausgezeichnetes Bild der Bahá’í-Methode sozialer Reformen haben uns die Bahá’í-Frauen in Ägypten und Syrien gezeigt. In diesen Ländern ist es Brauch der muhammadanischen Frauen, außerhalb ihres Hauses verschleiert zu gehen.
Der Báb wies darauf hin, daß die Frauen im neuen Zeitalter von diesem lästigen Zwang befreit werden.
Aber Bahá’u’lláh empfiehlt seinen Gläubigen, sofern keine wichtige Frage in bezug auf die Moral mitspielt, lieber sich den herrschenden Bräuchen zu fügen, bis das Volk aufgeklärt wird, als Anstoß und unnötigen Widerstand unter ihren Mitmenschen zu erregen. Obschon sich die Bahá’í-Frauen wohl bewußt sind, daß der veraltete Brauch des Schleiertragens für aufgeklärte Menschen unnötig und lästig ist, finden sie sich doch lieber ruhig mit dieser Unbequemlichkeit ab, als daß sie durch öffentliches Entschleiern ihres Gesichtes einen Sturm fanatischen Hasses und erbittertster Gegnerschaft heraufbeschwören. Die Anpassung an den Brauch ist keineswegs der Furcht zuzuschreiben, sondern dem sicheren Vertrauen in die Macht der Erziehung und in die umwandelnden und lebenspendenden Wirkungen wahrer Religion. Die Bahá’í in jenen Ländern widmen ihre Kräfte der Erziehung ihrer Kinder, besonders der Mädchen, und der Verbreitung und Förderung der Bahá’í-Ideale, denn sie sind sich dessen wohl bewußt, daß in demselben Verhältnis, wie das neue geistige Leben wächst und sich unter den Menschen verbreitet, veraltete Bräuche und Vorurteile nach und nach so natürlich und unvermeidlich fallen werden wie Knospenschalen im Frühling, wenn sich die Blätter und Blüten im Sonnenschein entfalten.
Aus „Bahá’u’lláh und das Neue Zeitalter“ von John E. Esslemont