Internationale Hilfestellungen

Waldbrände im Mittelmeerraum und Amerika, verheerende Stürme in Südostasien und der Karibik, Hunger in Afrika, hier ein Schiffsuntergang, dort ein Flugzeugabsturz – täglich jagen sich Katastrophenmeldungen, bei denen immer wieder deutlich wird: Nur gegenseitige internationale Hilfe ist in der Lage, die Auswirkungen solcher Tragödien einzudämmen.

Doch immer wieder sehen sich die Opfer, in der gleichen Lage: während auf höchster Ebene um nationale Interessen, Kompetenzen und Verantwortlichkeit gestritten wird, leiden und sterben die betroffenen Menschen.

Im Jahr 2000 sind nicht nur Wirtschaft und Wissenschaft international vernetzt, Globalisierung betrifft alle Lebensbereiche. Die Luft, die wir atmen, umgibt die ganze Erde, ihre Verschmutzung macht nicht an Landesgrenzen Halt, und dies ist nur eines von ungezähligen Beispielen. Die Konzentration auf nationale Interessen führt unweigerlich zu Verlusten auf allen Ebenen, der tägliche Blick in die Medien beweist es.

Die Wirklichkeit der internationalen Verflechtung hat längst zum Ausdruck gebracht, was manchen Köpfen noch nicht bewusst ist: Die Menschheit ist ein Volk, das in einem Land, der Erde, lebt. Zur Bewältigung der immer bedrohlicher werdenden Krisen brauchen wir ein Konzept, das die Probleme in ihren Ursachen behandelt und nicht nur kosmetische Verschleierung von Symptomen leistet.

Wie das Universale Haus der Gerechtigkeit (1), das oberste Gremium der Bahá’í-Weltgemeinschaft es formuliert:
„Im allgemeinen Sprachgebrauch täuschend einfach, stellt das Konzept, daß die Menschheit ein einziges Volk bildet, die Arbeitsweise der meisten Institutionen der heutigen Gesellschaft vor eine große Herausforderung.
Ob in der Form eines auf Wettbewerb beruhenden politischen Systems, eines auf die Durchsetzung individueller Ansprüche zielenden Zivilrechts, ob als Verherrlichung des Klassenkampfs, der Interessenkonflikte zwischen sozialen Gruppen oder des Konkurrenzkampfes, der das moderne Leben so entscheidend prägt – Konflikt wird als die treibende Kraft menschlicher Interaktion akzeptiert.
Er ist auf dem Gebiet der gesellschaftlichen Ordnung nur ein weiterer Ausdruck der materialistischen Lebensauffassung, die sich zunehmend in den letzten zwei Jahrhunderten verfestigt hat. […] Nur wenn in ihnen das Bewußtsein erwacht, daß sie ein einziges Volk bilden, wird es den Bewohnern des Planeten möglich werden, sich von dem die Gesellschaftsstrukturen der Vergangenheit beherrschenden Konfliktmuster zu lösen und zu beginnen, Methoden der Zusammenarbeit und Aussöhnung zu erlernen.
‚Die Wohlfahrt der Menschheit, ihr Friede undihre Sicherheit sind unerreichbar, wenn und ehe nicht ihre Einheit fest begründet ist‘, schreibt Bahá’u’lláh. […] Da die gesamte Menschheit eins und unteilbar ist, ist jedes ihrer Mitglieder in die Welt als ein dem Ganzen anvertrautes Pfand hineingeboren. Diese Treuhänderschaft bildet die geistige Grundlage für die meisten anderen Rechte. […] “

Es bedarf einer ‚grundsätzlichen Neudefinition der zwischenmenschlichen Beziehungen. Gegenwärtige Vorstellungen, was bei Beziehungen selbstverständlich und angemessen ist -zwischen Menschen untereinander, zwischen Mensch und Natur, zwischen dem einzelnen und der Gesellschaft und zwischen Mitgliedern der Gesellschaft und ihren Institutionen – spiegeln Verständnishorizonte wider, wie sie von der Menschheit während früherer und weniger reifer Stadien ihrer Entwicklung erreicht wurden.

Wenn die Menschheit wirklich in den Reifezustand eintritt, wenn alle Bewohner des Planeten ein einziges Volk bilden, wenn Gerechtigkeit das vorherrschende Prinzip der Gesellschaftsstruktur sein soll, dann müssen die gegenwärtigen Vorstellungen, die in Unkenntnis dieser jetzt sich entfaltenden Gegebenheiten entstanden waren, neugestaltet werden.‘

‚Im Mittelpunkt der Aufgabe einer Neukonzeption des Systems menschlicher Beziehungen steht der Prozeß, den Bahá’u’lláh‘, der Stifter der Bahá’í-Religion, ‚Beratung nennt. ‚In allen Dingen muß beraten werden‘, lautet Sein Ratschlag. ‚Die Gabe der Einsicht zeigt ihre Reife in der Beratung.‘

‚Der für diesen Prozeß notwendige Maßstab der Wahrheitsfindung übertrifft bei weitem die für die gegenwärtige Diskussion der menschlichen Angelegenheiten kennzeichnenden Muster der Verhandlungen und Kompromisse. […] Bahá’u’lláh fordert einen Beratungsprozeß, bei dem die einzelnen Teilnehmer darum bemüht sind, über ihren jeweiligen Standpunkt hinauszugehen, um wie die Glieder eines Körpers für dessen eigene Interessen und Ziele funktionieren zu können.

In einer solchen Atmosphäre, die durch Offenheit und Höflichkeit gekennzeichnet ist, gehören die Ideen nicht dem einzelnen, dem sie während der Erörterung gekommen sind, sondern der Gruppe als Ganzem. Diese kann sie aufnehmen, verwerfen oder verändern, je nach dem, wie es dem zu erreichenden Ziel am besten dient. […] So betrachtet ist Beratung der praktische Ausdruck von Gerechtigkeit in menschlichen Angelegenheiten. Sie ist so unentbehrlich für den Erfolg gemeinschaftlicher Bemühungen, daß sie Hauptmerkmal einer wirksamen Strategie für soziale und wirtschaftliche Entwicklung werden muß.‘ (1)

Schon jetzt zeigt sich überall dort Erfolg, wo gemeinsame Beratung zu uneigennütziger Hilfeleistung führt. Wenn solche Ansätze auf das Fundament eines umfassenden Konzeptes internationalen Beistandes gestellt werden, wenn die Menschen im Nachbarn nicht mehr den Konkurrenten sondern das Mitglied der eigenen Familie sehen, wird die Menschheit in der Lage sein, ihren drängenden Problemen mit Lösungen entgegenzutreten.

(1) Das Universale Haus der Gerechtigkeit, Das Wohlergehen der Menschheit, Bahá’í-Verlag Hofheim, 1995