Interreligiöser Dialog

„Verkehret mit den Anhängern aller Religionen im Geiste des Wohlwollens und der Brüderlichkeit.“
Bahá’u’lláh (1817-1892)

Die Bahá’í nehmen diesen Auftrag ihres Religionsstifters zum interreligiösen Dialog sehr ernst. Daher initiieren sie interreligiöse Begegnungen und wirken daran mit, wo immer sich die Gelegenheit bietet, auf örtlicher, regionaler, nationaler und internationaler Ebene.

Diese Haltung gegenüber anderen Religionen wurde bereits in den ersten Jahren des Wirkens dieser jungen Religion deutlich, als sie das in ihrem Ursprungsland, dem Iran, weit verbreitete Konzept der rituellen Unreinheit von Andersgläubigen aufhoben und für dessen gesellschaftliche Überwindung eintraten.


 Verhältnis zu anderen Religionen
Die theologische Grundlage für diese Haltung findet sich in der Glaubensüberzeugung der Bahá’í, daß alle großen Offenbarungsreligionen aus derselben Quelle stammen. Gott, der Schöpfer, begleitet, führt und erzieht die Menschen im Verlauf der Religions- und Menschheitsgeschichte durch Propheten bzw. Religionsstifter, d. h. Gott offenbart sich in allen großen Religionen.

Diesen Gedanken gibt es auch in anderen Religionen: so knüpft das Christentum am Judentum an, beruft sich auf die Zehn Gebote und erkennt die Heilige Schrift des Judentums als „Altes“ bzw. „hebräisches Testament“ an. Auch der Islam baut auf dem Judentum und Christentum auf und beruft sich auf Abraham als den Urvater, der den Monotheismus, den Glauben an einen einzigen Gott, gelehrt hat.

So beziehen sich Religionen in natürlicher Art und Weise auf ihnen vorangegangene, bestätigen die gemeinsamen Werte und führen deren Lehre fort. Schwieriger wird in aller Regel der Umgang mit nachfolgenden, jüngeren Religionen. Bahá’u’lláh lehrt, daß die Religionen wie die Glieder einer Kette miteinander verbunden sind und aufeinander folgen, sowohl in Bezug auf die Vergangenheit, als auch im Hinblick auf die Zukunft.
Auch nach ihm werden weitere göttliche Erzieher folgen.
Die Haltung der Bahá’í-Religion gegenüber anderen Religionen geht somit über Toleranz im Sinne des Duldens hinaus. Religionsstifter wie Moses, Buddha, Christus, Muhammad und Bahá’u’lláh werden alle als Boten Gottes und Verkünder der Wahrheit verehrt. In den Bahá’í-Häusern der Andacht wird aus den Heiligen Schriften aller Hochreligionen gelesen.


 Von der Überzeugung zur Tat
„O ihr Menschenkinder! Der Hauptzweck, der den Glauben Gottes und Seine Religion beseelt, ist, das Wohl des Menschengeschlechts zu sichern, seine Einheit zu fördern und den Geist der Liebe und Verbundenheit unter den Menschen zu pflegen. Laßt sie nicht zur Quelle der Uneinigkeit und der Zwietracht, des Hasses und der Feindschaft werden….
Unsere Hoffnung ist, daß sich die religiösen Führer der Welt und ihre Herrscher vereint für die Neugestaltung dieses Zeitalters und die Wiederherstellung seiner Wohlfahrt erheben werden. Laßt sie, nachdem sie über seine Nöte nachgedacht haben, zusammen beraten und nach sorgsamer, reiflicher Überlegung einer kranken, schwer leidenden Welt das Heilmittel darreichen, dessen sie bedarf.“
Bahá’u’lláh

Der interreligiöse Dialog ist somit nicht Selbstzweck, sondern soll zu Liebe und Einheit unter den Menschen führen. Die Religionsgemeinschaften sind herausgefordert, die Probleme der Menschheit im Zeitalter der Globalität gemeinsam anzugehen. Sie dürfen sich ihrer ethischen Verantwortung nicht entziehen.
 

Dialog auf örtlicher Ebene
In vielen Städten beteiligen sich die Bahá’í an aktiven WCRP-Gruppen und anderen interreligiösen Kreisen. WCRP (Weltkonferenz der Religionen für den Frieden) wurde 1970 in Kyoto/Japan mit dem Ziel gegründet, den friedensstiftenden Einfluß der Religionen geltend zu machen. In Hannover beteiligten sich die Bahá’í maßgeblich an dem parallel zur Weltausstellung EXPO 2000 stattfindenden WCRP-Projekt „Treffpunkt der Religionen“. Bereits im Jahre 1950 wurde von Bahá’í in den USA der „Weltreligionstag“ ins Leben gerufen. Er hat sich mittlerweile weltweit als feste Institution des interreligiösen Dialogs, als Forum der Begegnung, etabliert.


 Dialog auf nationaler Ebene
Am 26. März 1998 haben sich erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland auf Einladung von WCRP hochrangige Repräsentanten der evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirchen, des Islam, des Judentums, des Hinduismus, des Buddhismus und der Bahá’í um einen Tisch versammelt.

Ziel dieses Runden Tisches der Religionen ist es, angesichts von Vorurteilen gegen Fremde und Andersgläubige über vertrauensbildende Maßnahmen, gemeinsame Herausforderungen und gemeinsame Aufgaben nachzudenken. Er wirkt für ein Klima der Verständigung und tritt für die volle Realisierung des Grundrechtes auf freie Religionsausübung ein.

Der Runde Tisch der Religionen wird als Chance gesehen, im pluralistischen und weitgehend säkular geprägten Lebenskontext in Deutschland die Werte der Religionen für ein gutes Zusammenleben aller Gesellschaftsgruppen einzubringen.

Im Mai traf sich der „Runde Tisch“ zu seiner fünften Sitzung und verabschiedete die Erklärung „Konturen eines Krisenmanagements der Religionen“.

Die Bahá’í-Gemeinde wirkt auch im Interreligiösen Arbeitskreis des Interkulturellen Rates in Deutschland e.V. mit, einem Zusammenschluß verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, Verbände, Organisationen und Religionsgemeinschaften. In einer gemeinsamen Erklärung der Religionsvertreter vom September 1999 ging es unter dem Motto „Religionsfreiheit entfalten“ um Glaubensfreiheit und die verbindenden Grundwerte aller Religionen.


 Dialog auf internationaler Ebene
Ende August 2000 fand am Sitz der Vereinten Nationen in New York ein Weltfriedensgipfel religiöser und geistiger Führer statt: Der Millenium World Peace Summit, an dem auch Bahá’í-Vertreter mitwirkten. Nie zuvor versammelten sich mehr Geistliche und Vertreter verschiedener Glaubensrichtungen an einem Ort.

Die Religionsgemeinschaften in der ganzen Welt waren seitens der Organisatoren des Gipfels dazu aufgerufen, sich gemeinsam am 28. August, dem Eröffnungstag des Gipfels, an einem Gebetstag für den Weltfrieden zu beteiligen. Aus diesem Anlaß haben örtliche und nationale Bahá’í-Gemeinden in aller Welt Gebetsversammlungen für den Weltfrieden abgehalten und dabei aus den Heiligen Schriften aller großen Religionen gelesen.


 Dialog zwischen Weltbank und Weltreligionen
Aus der Einsicht heraus, daß nachhaltige Entwicklung nicht allein durch ökonomische Aspekte gesichert werden kann, lud Weltbankpräsident James Wolfensohn Vertreter von neun Weltreligionen im Februar 1998 zu Gesprächen nach London ein, um gemeinsam etwas gegen die Armut in der Welt zu unternehmen.

An diesem ersten Treffen nahmen Vertreter der Bahá’í, des Buddhismus, des Christentums, des Hinduismus, des Islam, des Jainismus, des Judentums, des Sikhismus und des Taoismus teil. In einer gemeinsamen Erklärung bekannte man sich zu einem „tiefen moralischen Interesse an der Zukunft des menschlichen Wohlergehens und der Menschenwürde“, sowie zu der „Überzeugung, daß die Praxis zukunftsfähiger Entwicklung neben wirtschaftlichen auch spirituelle, ethische, kulturelle, ökologische und soziale Aspekte berücksichtigen muß“. Außerdem vereinbarte man eine zukünftige Zusammenarbeit.

Anfang 1999 fand ein Arbeitstreffen in Südafrika statt, bei dem Wirtschaftler und Religionsvertreter über den Weltentwicklungsbericht 2000 sprachen und gemeinsam über Maßnahmen zur Armutsbekämpfung nachdachten. Bei einem Folgetreffen im Dezember 1999 in Washington wurde der regelmäßige „Dialog der Weltreligionen über Entwicklung“ etabliert, in den auch der Internationale Währungsfonds mit einbezogen werden soll.